Der Film entsteht anlässlich der dreiteiligen Emil Nolde-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, der Münchner Pinakothek der Moderne und der Nolde Stiftung Seebüll, in der im Herbst 2021 erstmals neueste Forschungsergebnisse zu Noldes Maltechnik und Künstlermaterialien präsentiert werden. Die Faszination seiner Bilder lebt dabei bis heute von der Farbgewalt: „Die Kunst des Malens ist keine Gedankenarbeit“, schreibt Nolde 1910, „sie ist ein Wirken der Sinne.“

Das Verbundprojekt „Ich will so gerne dass mein Werk aus dem Material hervorwachse…“, das nächstes Jahr seinen Abschluss findet und das wir exklusiv filmisch begleiten dürfen, beschäftigt sich mit der Maltechnik und den Künstlermaterialien Noldes, dessen Bilder ganz aus der Farbe gestaltet sind. Erstmals untersucht ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Kooperationsprojekt die Malweise Noldes. Dabei werden rund 45 Gemälde aus allen Schaffensperioden – von dramatischen Landschaften und leuchtenden Blumenstillleben bis hin zu seinen ausdrucksstarken Porträts und Figurenbildern – eingehend untersucht und Noldes Schriften zur Malerei und zum kreativen Prozess ausgewertet. So zeigen sich im Röntgenbild beispielsweise Werküberarbeitungen und Unterzeichnungen des Künstlers. Was hat es mit diesen Übermalungen auf sich? Wie sah das ursprüngliche Motiv aus? Daneben wurden erstmals farbige Grundierungen entdeckt, und es finden sich Hinweise auf unterschiedliche Werkzeuge, mit denen Nolde seinem expressionistischen Malstil mehr Ausdruck verlieh. Nolde, der für kurze Zeit mit Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel u.a. auch der Berliner Künstlergruppe Brücke angehörte, schreibt 1912 an den Sammler Carl Hagemann: „Meine Art zu malen ist ohne alle Kunststücke, ich mische die Farben gar nicht oder möglichst wenig, male das angefangene Stück immer Nass in Nass fertig und gebe den Bildern keinen Firniss.“

Hauptpartner des multidisziplinären Forschungsverbundes sind das Doerner Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde sowie die Hamburger Kunsthalle. Die Forschungsergebnisse werden im Herbst 2021 in einer dreiteiligen Ausstellung in Hamburg, München und Seebüll präsentiert, in der alle untersuchten Gemälde samt ihrer Ergebnisse zu sehen sein werden.

Der Film nimmt diese aktuellen Erkenntnisse zum Anlass, um einen neuen Blick auf Nolde zu werfen. Beide Seiten, die künstlerische und die politisch-gesellschaftliche Person machen den Künstler aus. Werk und Biografie lassen sich nicht voneinander trennen. „Nolde ist ein genialer Künstler“, betont Christian Ring, Direktor der Nolde-Stiftung. „Die Werke Noldes folgen nicht seiner Ideologie, sondern seinem Blick.“ Die Person müsse in einen politischen Kontext gestellt werden, aber das dürfe den Blick auf das Werk nicht verstellen. Kann der Blick auf ein Nolde-Werk vor diesem Hintergrund noch unvoreingenommen sein? Wie autonom ist ein Kunstwerk? Diesen Fragen geht der Film nach. Die abschließende, vielleicht auch moralische Beurteilung muss jede*r Betrachter*in selbst treffen. Heute sieht die Nolde-Stiftung keine Notwendigkeit mehr, den Künstler vor sich selbst zu schützen. Seine Kunst, die wegweisend für den Expressionismus und die Moderne war, ist stark genug, der Diskussion standzuhalten. „Erst wenn man Noldes Persönlichkeit in ihrer ganzen kruden Widersprüchlichkeit akzeptiert, kann man […] seiner Kunst wirklich gerecht werden“, formulierte Florian Illies in einem Zeitungsaufsatz über die Bundeskanzlerin bereits 2008. Angela Merkel hat durch die neuesten Enthüllungen im vergangenen Jahr das Nolde-Meerstück „Brecher“ (1936) in ihrem Büro abhängen lassen. Als „Conversation Piece“ für internationale Staatsgäste ist ein Bild des Künstlers im Bundeskanzleramt zu verfänglich geworden.

 

Autorin: Maria Tappeiner